Interview mit Marco Zehe, einem blinden Blogger und Twitterer

22. November 2009

in Interviews

Hallo Marco,

erst mal vielen Dank, dass du dich für dieses E-Mail Interview bereit
erklärt hast! Ich kenne dich von Twitter, wo du unter dem
Benutzernamen @MarcoZehe zu finden bist. Magst du ein bisschen zu
deiner Person erzählen?

Hallo Markus! Zunächst einmal vielen Dank für Dein Interesse und das Interview!
Ich bin 1973 in Dannenberg an der Elbe geboren und also ein Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen. :) Ich bin von Geburt an blind und kenne meine Welt daher ausschließlich  durch alle Sinneswahrnehmungen außer dem Sehen. Ich weiß nur theoretisch, was Farben sind. Ich sehe zwar den Unterschied zwischen Helligkeit und Dunkelheit, aber außer dass ich immer weiß, wann Tag und Nacht ist, nützt es mir nichts.
1980 bin ich in Hamburg in die Blinden- und Sehbehindertenschule. 1984 wechselte ich auf die benachbarte Heinrich-Hertz-Schule, auf der ich 1994 mein Abitur machte.
Danach folgten einige Wirren mit Lehramtsstudium, dem Versuch, Informatik zu studieren, und dann mein erster Job in einer Firma, die Hilfsmittel für Blinde herstellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Lebensmittelpunkt natürlich längst nach Hamburg verlagert.
Im Jahr 2007 trat ich dann meine jetzige Arbeit bei der Mozilla Corporation als Qualitätsbeauftragter für Barrierefreiheit in Firefox & Co. an.
Ich lebe in einem sehr ländlichen Stadtteil Hamburgs namens Kirchwerder in einem eigenen Haus mit Frau und zwei Hunden, von denen einer mein Blindenführhund ist

Das ist sehr beeindruckend! Es gibt viele, normal sehende Menschen,
die Probleme damit haben Abitur, Studium, Job oder Familie zu
meistern. Und du hast das ganze ohne visuelle Sinneswahrnehmung
geschafft. Unglaublich!

Nun, da gibt’s auch viele Blinde, die das nicht schaffen. Das ist, glaube ich, nicht wirklich davon abhängig, ob man sehen kann oder nicht. Es hängt vielmehr mit der allgemeinen Einstellung zu sich und dem Leben zusammen.

Zu meiner Schande, muss ich dir gestehen, dass ich mich in meinem
Leben noch nicht viel mit Sehbehinderung, Barrierefreiheit oder
Zugänglichkeit beschäftigt habe. Deswegen würde ich dir gerne einige
Fragen aus meiner, eingeschränkten Sicht, in Bezug auf das Thema
Computer stellen, wenn es dir nichts ausmacht.

Dass Du mit dem Thema bisher nicht oder kaum in Berührung gekommen bist, verwundert nicht wirklich. Blindheit ist in unserer Bevölkerung zu 80% eine Erscheinung des Alterns. Lediglich die anderen 20% teilen sich auf auf Geburtsblinde, Blindheit durch Unfall oder Diabetes, Retinitis Pigmentosa o. ä. Blindheitsursachen, die nicht im höheren Alter begründet sind.
Sehbehinderungen sind da schon häufiger, da sie in sehr vielfältiger Form auftreten. Jede Nachtblindheit, jede Farbsehschwäche, ja selbst jede Kurzsichtigkeit ist im Grunde eine Sehschwäche. Gegen Kurzsichtigkeit gibt es Brillen oder Kontaktlinsen, mit denen diese Defizite weitgehend ausgeglichen werden können. Aber Farbblindheit ist z.B. nicht durch Sehhilfen ausgleichbar. Und da stellt z. B. eine Seite, die bestimmte (wichtige) Informationen nur über Farben kommuniziert, schon eine Barriere dar. Eine Farbsehschwäche sieht man jemandem nicht an. Die Person läuft weder mit einem weißen Blindenstock durch die Gegend, noch kann oder darf sie nicht Auto fahren. Und doch können fehlende oder falsch einsortierte Farben im täglichen Leben eine echte Barriere darstellen, und das eben auch im Web.
Insofern: Vielleicht hattest Du schon mit Menschen mit einer Sehbehinderung zu tun und weißt es nicht mal. 😉

1. Du startest morgens deinen Computer. Welches Betriebssystem nutzt du? Wie erkennst du z.B. welche Programme oder Dateien dir zur Verfügung stehen?

Ich arbeite mit verschiedenen Betriebssystemen. Beruflich habe ich am meisten mit Windows zu tun, und Linux ist auch sehr wichtig. Privat nutze ich seit einiger Zeit ausschließlich Apple-Rechner mit Mac OS X Betriebssystem. Allen dreien gemein ist, dass es Bildschirmleseprogramme gibt, die die Inhalte in synthetische Sprache umwandeln und die Oberfläche somit hörbar machen. Die Ausgabe erfolgt über die in den Computer eingebaute Soundkarte. Unter Windows gibt es diese Programme am längsten, und da gibt es auch einen echten Wettbewerb. Es gibt einen Screen Reader, der quelloffen ist und mehrere kommerzielle Anbieter. Unter Linux (genauer, dem GNOME Desktop) und unter Mac OS X gibt es jeweils genau ein Bildschirmleseprogramm, welche gleich an Bord der Distribution bzw. des Betriebssystems kostenlos mitgeliefert werden. Ein Linux- oder Apple-Rechner ist also schon während der Installationsphase nutzbar. Windows muss bereits installiert sein, bevor ein Screen Reader installiert werden kann.
Wenn ich jetzt also den Windows-PC starte, verfolgt der Screen Reader standardmäßig den Tastaturfokus. Wenn ich also das Startmenü öffne und mit den Pfeiltasten durchlaufe, das „Alle Programme“-Untermenü aufklappe und dann weiterlaufe, bekomme ich also schnell einen Überblick über die installierte Software. Genauso kann ich den Desktop erforschen, im Explorer arbeiten usw. Analog funktioniert das natürlich auch unter Linux und Mac OS.

2. Du besuchst eine Internetseite mit dem Browser. Wie liest du die Inhalte? Woher weißst du z.B. wenn ein Text mit einem Link hinterlegt ist?

Wie ich eine Seite lese, hängt davon ab, ob ich sie schon kenne oder nicht. Screen Reader bieten verschiedene Möglichkeiten der schnellen Navigation zu Überschriften, Formularelementen und anderen Elementtypen an. Wenn ich eine Seite also kenne, weiß ich, zu welchem Element ich springen muss, um zu den neuen, wichtigen Inhalten zu kommen. Unbekannte Seiten erforsche ich erstmal Stück für Stück und mache mich damit vertraut. Screen Reader können verschiedenste Elemente auswerten: Listen, Links, Tabellen, Formulare, Überschriften usw. werden automatisch erkannt, und es wird angesagt, um was für einen Typ es sich bei bestimmtem Text handelt.

3. Was können Blogger und Webmaster tun, um ihre Seite zugänglicher zu machen? Kannst du vielleicht ein gutes Tutorial nennen, welches Online verfügbar ist?

Tutorien zur Gestaltung möglichst barrierearmer Seiten gibt es im Netz viele. Gibt auch viele Web-Agenturen, die sich mit dem Thema auskennen und Hilfestellung geben können. Verbreitete Blogsysteme wie WordPress o. ä. bieten eine Fülle von Themes, von denen viele barrierearm sind. Eine gute Anlaufstelle zum Reinstöbern und Erhalten von guten Tipps ist mit Sicherheit die Seite der Webkrauts und die Seiten der Initiative „Einfach für Alle“ der Aktion Mensch.

4. Welche Inhalte sind im Internet besonders schwer zugänglich?
Ein Beispiel: Gestern habe ich ein Update auf Twitter mit dem Inhalt „Freut ihr euch auch schon so? :-) http://twitpic.com/qdgkw“ mit dem Link zu einem iPhone Screenshot zum abendlichen (trashtv) Programm geschickt. Kurz darauf kam von dir ein @Reply „Worüber? Magst Du mal einen Alt-Text für das Bild rüberwachsen lassen? :)“. Ich versuche von nun an auf jeden Fall daran zu denken.

Nicht gut beschriebene Bilder, nicht zugängliche Flash-Anwendungen, und visuelle CAPTCHAs zum Registrieren oder zur Abgabe von Kommentaren z. B. bei vielen Tageszeitungen. Das sind so die drei größten Baustellen.

5. Wo gibt es in Bezug auf Barrierefreiheit im Internet noch Nachholbedarf?

Mit Sicherheit bei der Umsetzung von Webstandards und Richtlinien zur Barrierefreiheit in der freien Wirtschaft. Für staatliche Auftritte gibt es die BITV (Barrierefreiheitsverordnung in der Informationstechnik). Diese gilt aber nicht für die freie Wirtschaft, und entsprechend grauselig sind manche Angebote auch heute noch gestaltet. Wenn man sich z. B. die Seiten von Conrad anschaut, so läuft es einem kalt den Rücken runter. Diese Seite ist vom Design und Markup her Mitte der 90er Jahre stehengeblieben. Ich kann hier keinen Bestellvorgang ausführen, weil ich nicht mal zu den Produkten hinkomme, die ich bestellen will. Und das ist mir schon seit mehreren Jahren anderswo nicht mehr passiert. Aber Conrad ist leider kein Einzelfall, und ich höre immer wieder von anderen Blinden, die irgendwo scheitern, weil Seiten so schlecht auf Barrierefreiheit hin gebaut sind.

6. Regt dich etwas besonders auf? Gibt es ignorante Internetuser? Internetbetreiber großer Seiten, die ihre Inhalte nicht zugänglich machen? Oder etwas ganz anderes in dieser Richtung?

Abgesehen von dem Beispiel, das ich eben genannt habe, habe ich, denke ich, mit genau denselben Leuten im Internet zu tun wie sehende Internetnutzer auch. Ein Troll in einem Forum regt mich genauso auf wie Dich. :)

7. Wie muss man sich deine Interaktion mit dem iPhone 3GS vorstellen? Ich habe gesehen, du liest und schreibst auch unterwegs Tweets. Wie machst du das?

Das iPhone OS 3.0 und höher liefert für das 3G S und den iPod Touch der dritten Generation mit 32 oder 64 GB einen Screen Reader für Blinde gleich mit. Ist dieser aktiv, werden die Gesten etwas verändert. Das Antippen eines Symbols bewirkt nicht mehr automatisch das Aktivieren des Elements, sondern das Element wird gesprochen. Erst ein zweifaches Tippen auf den Bildschirm aktiviert das zuletzt „angefühlte“ Symbol. Für einen ausführlichen Erfahrungsbericht empfehle ich das Studium meines Blogeintrages zu diesem Thema.

Super! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Vielen Dank nochmals für Dein Interesse!
Viele Grüße
Marco

Marco ist hier auf Twitter zu finden, betreibt einen englischsprachigen und deutschsprachigen Blog.

  • Pingback: Twitterer der Woche: @MarcoZehe()

  • schwachleister

    „Nun, da gibt’s auch viele Blinde, die das nicht schaffen. Das ist, glaube ich, nicht wirklich davon abhängig, ob man sehen kann oder nicht. Es hängt vielmehr mit der allgemeinen Einstellung zu sich und dem Leben zusammen.“

    jaja, jeder ist seines glückes schmied. das hat natürlich nichts mit dem sozialen umfeld zu tun.

  • http://danischenker.com danischenker

    Sehr schönes Interview. Super interessant. Über diese Dinge denkt man überhaupt nicht nach. Danke!

  • Zaubi

    Ich bin durch dieses Interview darauf gekommen Marco bei Twitter zu folgen und muss sagen: Er ist ein ganz toller und angenehmer Gesprächspartner, der es jederzeit wert ist, ihm zu folgen.

  • Stefan Paulus

    Ich studiere allgemeine Informatik und in diesem Semester gibt es ein Fach, welches sich mit genau diesem Thema „Barrierefreiheit“ beschäftigt.Wir beschäftigen uns allgemein mit der Benutzerfreundlichkeit und beziehen uns immer auch auf „Behinderungen“. ( Wobei ich nach dem Artikel kaum eine Behinderung erkennen kann ) Zu meiner schande muss ich gestehen, konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, was damit bezweckt werden sollte, denn viele dinge schienen mir schlicht nicht umsetzbar zu sein. Dies hat sich geändert. Ich möchte mich sehr dafür bedanken, eine realistische Sicht auf die dinge bekommen zu haben. Zusätzlich hat es mich auch sehr bewegt und ich wünsche mir dass mein gewonnener Zugang noch vielen gegönnt ist und sich in Zukunft mehr Menschen gedanken machen, wie sie Barrierefrei oder arm, ihre Inhalte zugänglich machen.

  • Pingback: Folge 031: Behinderte Freundschaften haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum()

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